Ein MBA in den USA

Richard Debrot

Ist ein Doktortitel das einzige nach einem Abschluss an HTL, ETH, Uni, HWV oder HSG ? Nein, nicht ganz. Ein MBA (Master of Business Administration) oder auch Business School ist nur eine der weiteren Möglichkeiten, welche in der schweizerischen Akademie- und Berufswelt weniger bekannt sind. So ist auch der wahre Wert einer solchen Schule in Europa oder in der Schweiz etwas im Dunkeln. Als Chemiker HTL mit Abschluss 1988 in Winterthur bin ich einer der leider noch sehr wenigen Schweizer, die den Sprung über den Atlantik zu einer solchen Weiterbildung gewagt haben.

Horrorgeschichten zur Arbeitsbelastung der amerikanischen MBA Studenten kursierten auch zu meiner Zeit am Technikum in Winterthur, ich allerdings wusste damals kaum, was denn so ein MBA ist. Meine Kentnisse beschränkten sich auf Harvard, Standford und MIT in den USA, andere kannten noch europaische Schulen. Also: Die ersten drei sind nicht bloss Business Schulen, das sind ganze Universitäten mit zwischen zwanzig und fünfzigtausend Studenten. Harvard ist bekannt durch das Medizin und Jusstudium, Stanford und MIT sind bekannt als die grossen Engineeringschulen. Jede dieser Unis hat auch eine Business School welche jährlich etwa 400 bis 600 Studenten aufnehmen. In den USA finden sich gesamthaft über 600 MBA Schulen, die alle um Rang und Namen kämpfen. Gemäss dem letzten Ranking der Business Week (19. Oktober 1998) sieht die Liste der TopTen aus wie folgt:
 
1. Pennsylvania (Wharton) Philadelphia, PA 6. Columbia New York, NY 
2. Northwestern (Kellogg) Evanston, IL  7. Duke (Fuqua), Durham, NC
3. Chicago Chicago, IL 8. Cornell (Johnson) Ithaca, NY
4. Michigan Ann Arbor, MI  9. Stanford Standford, CA
5. Harvard Boston, MA 10. Dartmouth (Tuck) Hannover, NH

Ungleich der Schweiz sind alle diese Schulen privat und das Schulgeld alleine ist ungefähr 50’000 Dollar für das zweijährige Programm. Wie komme ich dahin, was lerne und erfahre ich und lohnt es sich überhaupt ? Das sind alles Fragen, die auch ich mir damals stellte. Um gleich die schwierigste Antwort vorwegzunehem, jawohl, es hat sich sehr geloht. Ich bin an der Kellogg Graduate School of Management an der Northwestern University in Evanston bei Chicago, werde im Juni dieses Jahres abschliessen und habe bereits mehrere Jobofferten für die USA in der Tasche. Der Weg dahin ist allerdings nicht gerade einfach und das Risiko des Kaptiulieren besteht auch dann, wenn man schon hier ist.

Die wichtigste Voraussetzung für diesen Sprung ist allerdings nicht ein Magma cum Laude Abschluss oder ein gutes Bankkonto, sondern viel Energie, ein eiserner Wille, breite Erfahrung, klares Denken und ein zielgerichteter Karriereplan. Ein Schulabschluss an einer der oben genannten schweizer Schulen ist notwendig und dass man hier englisch spricht, versteht sich von alleine. Alle internationalen Studenten, welche pro Schule 15 bis 25 Prozent ausmachen, müssen den TOEFL absolvieren und sollten gut über 600 Punkten erreichen. Alle Kandidaten müssen den GMAT absolvieren und sollten mindestens 600 Punkte erreichen. Arbeitserfahrung wird sehr gross geschrieben, Kellogg Studenten bringen im Schnitt 4.8 Jahre mit sich, das Durchnittsalter bei Graduation ist 30 Jahre. Es wird auch ein stündiges Interview mit allen Kandidaten durchgeführt. Die Webpage http://www.kellogg.nwu.edu/ gibt weitere Details. Die TopTen Schulen erhalten jährlich etwa 6’000 bis 8‘000 Bewerbungen, die Chancen akzeptiert zu werden liegen bei zwischen 10 und 15 Prozent.

Ich habe die USA gewählt weil die Ausbildung auf diesem Niveau bedeutend fortgeschrittener ist und sich auch ein gutes Sprungbrett zum Arbeiten vor allem hier in den Vereinigten Staaten bietet. Jobagebote kommen bereits aus der ganzen Welt, aus der Schweiz hingegen kaum welche. Dass hier nicht alles Gold ist was glänzt, dass man das Wort Kultur kaum kennt und vergleichsweise keine Geschichte hat in diesem Land, wusste ich schon vorher. Deshalb bin ich ja nicht gekommen. Auch nach bald zwei Jahren bin ich dankbar für meine Wurzeln in der Alpenregion und sehe alles durch meine europäische Brille gefiltert. Das gibt mit eine sehr wichtige eigene Perspektive in den Relationen der Anschauungen.

Kellogg ist eine besonders stark teamorientiertes MBA-Programm und so beginnt das Schulprogramm mit Gruppendynamikbildung, psychologischem Training und vielen Parties. Es ist jede Hautfarbe und 42 verschiedene Nationalitäten vertreten. Die Hälfte der amerikanischen Studenten haben schon länger im Ausland gelebt und überraschend viele sprechen mehr als bloss englisch. Dies ist allerdings eine sehr grosse Ausnahme in diesem Land, denn bei den MBAs handelt es sich doch mehr um die Elitestudenten. Interessant ist vor allem, was jeder einzelne mitbringt und was ich von deren Erfahrungen lernen kann. Einige ausgewählte Beispiele meiner Mitstudenten sind: Peace Corp und Rot Kreuz Helfer, Investement Banker, Consultants, Doktoren, Kampfpiloten, Presseberater des US Präsidenten, Firmendirektoren, Anwälte, U-boot Kommandant, CIA Mitarbeiter und etliche führen bereits ihre eigene Firma oder sind Teilhaber.

Pro Woche sind zwei mal vier verschiedene Klassen à hundert Minuten zu besuchen was auf eine Stundenzeit etwas mehr als zwölf Stunden pro Woche kommt. Das ist eigentlich gar nicht so viel, das Anstrengede hingegen sind die Vorbereitung auf diese Klassen. Jede Klasse braucht mindestens 4 Stunden Vorbereitung mit lesen von Büchern und Zeitungen und vor allem den Fallstudien. Die Fallstudien sind irgendwelche Herausforderungen, welche eine wahre Firma in der Vergangenheit zu lösen hatte. Diese Fallstudien sind entsprechend dem Thema in der Klasse ausgewählt und enden chronologisch zu jenem Zeitpunkt, wo diese Firma vor einer wichtigen strategischen Entscheidung oder einem spezifischen taktischen Zug steht. In Gruppen von 3 bis 6 Studenten wird eine Lösung ausgearbeitet und als geschäftliches Dokument vorgelegt oder als Präsentation vorgetragen. Unter extremem Zeitdruck ist in der Gruppe ein Konsens zu finden, der alle Ideen in sehr kompakter Form richtig darlegt. Mit den verschiedenen Erfahrungen und den verschiedenen Kulturen der einzelnen Studenten ist das nicht immer sehr einfach. Es ist nicht wichtig, genau das vorzuschlagen, was diese Firma effektiv machte, viel wichtiger ist ein logisch klar durchführbarer Plan. Zu Beginn haben einige solche Meetings bis drei oder vier Uhr morgens gedauert. Diese Fallstudien und auch weitere Hausaufgaben kommen Schlag auf Schlag und wer seine Agenda nicht sauber führt, verpasst den Zug sehr schnell. Im Unterricht selbst wird dann auch die aktive Teilnahme der Studenten bewertet, daneben sind auch Zwischen und Schlussprüfungen zu absolvieren. Ein Wochenendtag unterscheidet sich von den Wochentagen nur soweit, dass kein Klassenunterricht stattfindet. Gruppenmeetings sind trotzdem in der Agenda, auch am Samstagabend oder Sonntagmorgen, je nachdem wie man sich arrangiert in der einen Gruppe und den drei anderen Gruppen, welche in keinem Fall aus den selben Studenten besteht.

Die weiteren Quartale gingen im noch intensieveren Stile weiter, nur sind alle Studenten bedeutend fortgeschrittener im Lernprozess und wissen, wie man sich in so einer Gruppe organisiert und auch selbst viel effizienter arbeitet. Ich habe manchmal gedacht, dass wenn ich so effizient gewesen wäre in meinem vorherigen Job, dann hätte ich wahrscheinlich nur die Hälfte der Arbeitsstunden gebraucht. Vorausgesetzt natürlich, dass die Mitarbeiter auch so willens und effizient sind, denn einer ganz alleine kann den Zug kaum ziehen.

Eine weitere Herausforderung ab dem zweiten Quartal war die Jobsuche für das Sommerinternship. Erst kommen Dutzende von Firmen auf den Campus und halten Präsentation zu ihren Unternehmungen. Dazu folgen auch diverse persönliche Einladungen zu Abendessen mit Firmenangestellten und ehemaligen Kelloggstudenten, welche nun bei diesen Firmen arbeiten. Wer dabei keinen klaren Focus für eine Industrierichtung hat, vertrödelt schnell viel wertvolle Zeit. Intel, Microsoft, Sun, Netscape, Motorola, AT/T, Ameritech, Goldman Sachs, Lehman Brothers, Morgan Stanley, Coca-Cola, General Mills, Pillsbury, Gillette, 3M, Amoco, Exxon, United Airlines, FMC, Emerson Electric, GM, Andersen Consulting, McKinsey, BCG sind nur einige der über dreihundert Firmen, die aktiv auf dem Campus rekrutieren. Nach den Firmenpräsentationen folgen die Interviews für die Sommerjobs, welche über mehrere Runden dauern. Zur Schlussrunde wird man zu fünf bis acht weiteren Interviews an einem einzigen Tag in die Firma eingeladen. Somit wird als auch viel rumgereist in den USA und Uebersee, was manchmal mit der Schul- und Gruppenagenda in Konflikt kommt.

Was lernt man denn überhaupt an so einer Schule ? Das Core Curriculum an Kellogg füllt fast die beiden ersten Quartale. In diesen Kursen studiert man die funktionalen Aktivitäten von Unternehmungen, lernt Basiswissen in Management und erweitert das analytische Denkvermögen für Entscheidungen. Gleichzeitig beginnt man mit der Spezialisierung in Richtungen wie Management und Strategie, Organisationsmanagement, Microeconmie, Macroeconomie, Marketing, Finanzwesen oder Operationsmanagement. Weitere Spezialisierungen sind Buchhaltung, Information Systems, Grundstückverwaltung, Transport, Nonprofit Management, International Business, Unternehmertum und einige mehr. Zu der Berufserfahrung, die jeder mitbringt, lernt man ganzheitliches, integriertes Denken mit systematischen Modellen und Fallbeispielen, die es einem erleichtern, schneller zur richitgen Lösung zu finden oder frühzeitig neue Verhältnisse richtig zu interpretieren und entsprechend zu handeln. Das können alltägliche geschäftliche Fragen sein wie zum Beispiel: wo und wie optimiere ich die Kostenstruktur der Produktion, wie können wir die Durchlaufzeit der Produkte verkürzen, welchen Anreiz kann ich den Mitarbeitern geben zur Qualitätsverbesserung. Andere Beispiele sind mehr von der Marketingseite zu betrachten: macht mein Produkt überhaupt Sinn, wie bringe ich es von der Produktion zum Verteiler, wie wird es im Laden präsentiert, wie kommuniziere ich mit dem Kunden, wie reagiert die Konkurrenz auf mich. Weitere Fragen kommen von der strategischen Seite: auf welche Projekte sollen wir unsere Finanzen setzen, wie verhält sich die Industrie, lohnt sich die Investition, sollen wir einen Partner suchen, wie können wir das Unternehmen langfristig absichern, woher und wie erhalten wir Kapital und Arbeitskräfte, sollen wir ins Ausland gehen, wie verhalten wir uns in einer Krise usw. Ich kann nur sagen, dass ich mit dem bisher Gelernten einiges viel schneller und besser verstehe und wenn ich etwas Neues oder Besseres machen will in einer Firma, dies nun auch richtiger und überzeugender argumentieren kann mit einer ganzheitlichen Perspektive. Natürlich ist hier in den USA alles um einige Zehnerpotenzen grösser als in der Schweiz und somit nicht in jedem Fall so einfach übertragbar. Trotzdem beschränkt man sich hier aber nicht nur auf amerikansiche Firmenbeipiele, es kommt auch viel internatinales und auch mal (fast)schweizerisches zum Zug. Zum Beispiel Percy Barnevik’s Management Stil der Globalisierung von ABB oder Jacob Suchard’s Reorganisierung von 1992. Sehr brisante Beispiele sind die Entwicklungen zur Explosion des Challenger Space Shuttles von 1985 oder die Abwehr von Goodyear gegen die Uebernahmeversuche. Beispiele von weniger grossen Erfolgen wie Jaguars Marketing Strategie oder auch die strategischen Missentscheide bei Apple Computer werden analysiert. Es stehen aber nicht nur Multinationale Firmen mit Konsumgütern zur Diskussion, Beispiele aus der Industrie, Banken, Regierungen, Consulting und auch viele kleinere Firmen finden den Weg in die Schulzimmer.

Theorie und Praxis sind aber stets voneinander entfernt und mit vielen kleinen unvorgergesehenen Herausforderungen bestückt. Dazwischen stehen auch immer Leute, mit denen man kommunizieren muss und dort beginnen die ersten Spannungen. Ich glaube fest, dass die Basis für Erfolge in der richtigen Kommunikation liegt. Mit einer MBA Ausbildung bin ich sehr vielen verschiedenen Kulturen ausgesetzt und lerne auch, wie man auf sehr verschiedenen Basen einen Konses finden kann. Durch den Auslandaufenthalt und die Ausbildung und Erfahrungen mit Mitstudenten aus der ganzen Welt bin ich bin heute bedeutend besser in Kommunikation und Konfliktmanagement. Sicher kann man so etwas auch an Schulen in der Schweiz lernen, nur fehlt leider etwas die globale Perspektive. Ich denke, dass dies neben Toleranz und Akzeptanz zu Neuem und Fortgeschrittenen ein weiterer sehr wichtiger Teil in der immer schneller werdenden Geschäftswelt ausmacht.

Wer Interesse an weiteren Informationen hat, kann sich bei mir per e-mail. Ich hoffe, dass sich der akademische Kreis aus der Schweiz international stark vergrössert und dass ich dem einen oder der anderen einen weiteren Weg gezeigt habe. Ich wünsche allen viel Erfolg zu den Karriereentscheidungen.
 
Richard Debrot 
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Philadelphia, PA 19146
Tel.: (215) 545 7543
rdebrot1997@alum.kellogg.nwu.edu