Schlussbericht für das Stipendium der Asea Brown Boveri AG, Baden

Von: Alban Frei

Email: frei@uiuc.edu

WWW: www.cen.uiuc.edu/~frei

Datum: März 1998
 
 

1. Ankunft

Wir kamen am 19. August 1997 in Urbana an. Dank Daniel Treyer, der auch ein ABB Stipendium erhalten hatte und in Urbana-Champaign studierte, hatten wir schon ein Apartment ausgesucht, das unseren Wünschen entsprach. Wir bedeutet hier: Ich, meine Freundin Barbara und unser Hund Madra.

Während den ersten Tagen musste ich zuerst einmal sämtliche Formalitäten mit der Universität in Ordnung bringen, so dass ich schon ziemlich auf Trab war. Es ging aber alles sehr gut. Die Universität organisierte das Einschreiben hervorragend und so hatte ich nach vier Tagen so ziemlich alle Unterlagen beisammen, um ins erste Semester eintreten zu können. Dieses began am 1.9.1997.

Mit dem Elektrizitätswerk und der Telefongesellschaft gab es da schon mehr Probleme. Ich hatte natürlich noch keine SSN (Social Security Number) und keine Telefonnummer und diese werden für fast jede Dienstleistung erfragt. Aber auch diese Probleme konnten wir mit zahlreichen Telefonaten von öffentlichen Telefonen und Telefaxen lösen.

Alles in allem klappte der Start aber gut und wir lebten uns schnell in der neuen Heimat ein.
 
 

2. Allgemeines über Kurse und Universität

Kurse und Kursniveau:

Alle Kurse haben bestimmte Vorkurse, die man erfüllt haben muss, um den Kurs besuchen zu können. Für Graduate Studenten wird dies aber nicht überprüft, da viele von anderen Universitäten und Instituten kommen und es unmöglich ist, alle Kurse zu vergleichen. Somit steht bei den meisten 300-er und 400-er Kursen neben den Vorbedingungen noch „or consent of instructor". Somit muss man eigentlich selber entscheiden, ob man sich einen Kurs zumutet oder nicht.

Kurse können bis etwa 4 Wochen vor Semesterende aufgegeben werden. Natürlich ist dann alle Arbeit verloren, aber zumindest hat man keine schlechte Note im Zeugnis.

Für ein Master‘s Degree muss man neben den 8 Units auch noch andere Anforderungen erfüllen. Die Wichtigste darunter ist das sogenannte „Distribution requirement". Man muss aus den drei Hauptgebieten der Informatik je einen Kurs besuchen und diesen mit einer Note von B oder höher bestehen. Die drei Hauptgebiete sind:

Die Software-Kurse zeichnen sich dadurch aus, dass man sehr viel Zeit für Programmieraufgaben aufwenden muss. Für HTL Absolventen sind die theoretischen Kurse heikel, da die HTL Ausbildung mehrheitlich praktisch orientiert ist.

Im Gegensatz zur HTL sind hier Hausaufgaben alleine zu lösen, weil praktisch alle Hausaufgaben benotet werden.
 
 
 
 
 
 

2. Das erste Semester

Für das erste Semester wurde mir von meinem ersten Advisor (der mir von der Universität zugewiesen wurde) geraten, gleich auf‘s Ganze zu gehen, da ich ja schon viel praktische Erfahrung hatte. Ich schrieb mich also für folgende Kurse ein:

Die drei 300-er Kurse nimmt man normalerweise für 0.75 Units. Die restlichen 0.25 Units kann man nur nehmen, wenn man ein Graduate Student ist. In diesem Fall muss man ein zusätzliches Projekt für den Kurs machen. Mein Advisor riet mir, dies zu tun, denn in diesen Projekten führt man praktische Arbeiten aus, die das theoretische Wissen vom Kurs gleich anwenden. Dieser Aussage kann ich nun nur zustimmen, die Projekte waren wirklich sehr interessant und lehrreich. Das Thema für ein solches Projekt kann weitgehend selbst bestimmt werden. Man muss eine Projektbeschreibung abgeben, die dann vom Dozenten genehmigt werden muss.

Nur für CS373 bestand dieses „Projekt" aus zusätzlichen theoretischen Hausaufgaben und diese Art von Arbeit habe ich nun wirklich zur genüge gemacht, deshalb entschloss ich mich diese 0.25 Units aufzugeben. Somit hatte ich am Ende des Semesters 3.75 Units von den 8.0 erforderlichen auf meinem Konto.

Am Anfang des Semesters dachte ich, dass ich wohl einen Kurs aufgeben müsse, denn schliesslich heisst es, dass das HTL Diplom nicht einem Bachelor‘s Degree äquivalent sei. Dies bestätigte sich aber überhaupt nicht. Ich konnte sogar im CS373 Kurs gut mithalten, obwohl HTL Abgänger in diesem Gebiet wohl am meisten Defizit aufzuweisen haben. Für diese vier Kurse hat mein Wissen von der HTL und meine praktische Erfahrung vollends genügt, um mit den besten Studenten mithalten zu können.
 
 

3. Suche nach einem Advisor und Anstellung

Während dem ersten Semester ging ich auf die Suche nach einer Anstellung als Research Assistant und nach meinem definitiven Advisor. Eine Anstellung (typischerweise beim Advisor) hat folgende Vorteile:

Ich hatte schon einige Kontakte während meinem ersten Informationsbesuch (September 1996) geknüpft und besuchte nun diese Dozenten wieder. Es zeigte sich schon bald, dass Jane Liu und ihre Real-Time Gruppe stark an meinem praktischen Wissen (Windows NT) interessiert war. Noch während des ersten Semesters konnte ich mit ihr eine mündliche Abmachung treffen, dass ich im nächsten Semester für sie arbeiten werde.

Die Universität bietet auch eine zweite Art von Assistentenstellen an: Teaching Assistant (TA). Die Aufgaben dieser sind sehr unterschiedlich. Für 100-er und 200-er Kurse ist man der eigetliche Dozent, so dass man Erfahrungen im Unterrichten sammeln kann. Für 300-er und 400-er Kurse ist dann aber meistens (400-er immer) ein Professor für das Dozieren zuständig, so dass der TA meistens nur für die Korrekturen und organisatorische Angelegenheiten zuständig ist. Ich selber habe aber keine solche Stelle gehabt und habe somit keine Erfahrungen als TA. Als Ausländer muss man noch einen zusätzlichen Sprachtest machen, um überhaupt als TA arbeiten zu können. Dieser kann hier an der Universität oder in Zusammenhang mit dem TOEFL absolviert werden.
 
 
 
 
 
 

4. Das zweite Semester

Für dieses (laufende) Semester schrieb ich mich in folgende Kurse ein:

Der CS490 Kurs verkörpert die Forschungsarbeiten, die ich für die Real-Time Gruppe von Jane Liu als Research Assistant ausführe. Dieser Kurs dient auch zur Einarbeitung in ein Thesis-Thema. Ich habe mich noch nicht entschieden, was für eine Thesis ich schreiben werde, aber Ideen sind schon vorhanden.

Der CS324 Kurs wird von Jane Liu doziert. Sie empfahl mir diesen Kurs, damit ich einen besseren theoretischen Hintergrund für meine Forschungsarbeiten habe. Es ist ein sehr kleiner Kurs und somit gibt es dort kein Projekt, das mir die zusätzlichen 0.25 Units erbringen würde.

Der CS423 Kurs ist einer der schwierigsten Kurse hier an der Universität, zumindest nach Aussagen des Dozenten. Rund die Hälfte der Zeit arbeite ich momentan für diesen Kurs. Vom Aufwand her ist er wirklich der anstrengenste Kurs, den ich hier schon besucht habe. Obwohl ich keinen der drei Kurse besucht habe, die als Vorbedingungen angegeben waren, kann ich mich gut behaupten. Ich habe die Vorbedingungskurse überprüft und für jeden einen mehr oder weniger äquivalenten Kurs gefunden, den ich an der HTL besucht habe. Auch mein praktisches Wissen über Betriebssysteme hilft mir hier enorm.
 
 

5. Das dritte Semester

Dieses liegt noch in weiter Ferne, doch schon jetzt weiss ich, was ich noch zu machen habe. Ich werde vorwiegend an meiner Thesis arbeiten und wohl noch einen oder vielleicht auch zwei Kurse besuchen. Ich habe zwar nach dem zweiten Semester alle Kursanforderungen erfüllt, aber ich möchte es noch ausnützen, solange ich mehr oder weniger gratis eine zusätzliche Ausbildung geniessen kann.

Ich hoffe dann, dass ich am Ende dieses Jahres meine Thesis beendet haben werde und wir wieder in die Schweiz zurückkehren können. Falls es aber nötig sein wird, werde ich einige Monate länger bleiben, um meine Thesis fertig zu schreiben.
 
 

6. Freundin, Hund und das Umfeld

Urbana-Champaign ist für amerikanische Verhältnisse eine ziemlich kleine Stadt. Sie wird geprägt vom sehr hohen „Studenten pro Einwohner"-Verhältnis. Die beiden Städte haben zusammen etwa 100‘000 Einwohner ohne Studenten. Dazu kommen während den Semestern etwa 36‘000 Studenten. Dies hat zur Folge, dass Chambana (wie die Twin-Cities auch genannt werden) die höchste Dichte an Pizzaläden in ganz Amerika hat. Pizza ist definitiv die Studentennahrung Nummer Eins hier in den USA. Dank meiner Freundin kann ich aber dem Schiksal des ewig pizzaessenden Studenten entkommen und darf eine ausgewogene Ernährung geniessen.

Mit unserem Hund haben wir die Umgebung von Urbana-Champaign sehr gut erforscht. So ziemlich alle Parks, die in vernünftiger Nähe sind, haben wir besucht. Wir haben dabei festgestellt, dass obwohl man hier ein wenig „in the middle of nowhere" lebt, man trotzdem genügend Freizeitmöglichkeiten finden kann, um die Tage abwechslungsreich gestalten zu können.

Meine Freundin hat nur ein Touristen-Visa. Dies bedeutet, dass sie nur eine Aufenthaltsbewilligung für sechs Monate erhielt. Wir konnten aber das Visa für weitere sechs Monate verlängern. Es ist auf jeden Fall besser, wenn man verheiratet ist, denn somit hat die Frau eines Studenten ein ähnliches Visa (F-2) und kann so lange bleiben, wie der betreffende Student. Arbeiten kann sie aber trotzdem nicht.

Ich bin auf jeden Fall froh, dass meine Freundin mitgekommen ist. Sie kann sich um Madra kümmern und natürlich um den Haushalt. Dies ist selbstverständlich kein Vollzeitjob, so dass sie noch Englischlektionen besuchen kann, um den letzten Schliff für das Cambridge Proficiency zu erhalten.

Haustiere können von Europa ohne Probleme mitgenommen werden. Wir mussten lediglich Impfausweise und ein Gesundheitszeugnis organisieren. Hat man dies, so ist die Einfuhr kein Problem. Eine Kollegin von mir aus Frankreich hat ihre Katze mitgenommen, so dass ich annehme, dass auch dies kein Problem darstellt.
 
 

7. Empfehlungen an Nachfolger

Die UIUC als Universität kann ich nur empfehlen. Sie hat das drittbeste Engineering-College der USA (hinter MIT und Berkeley). Der einzige Nachteil ist, dass Urbana-Champaign eine ziemlich kleine Stadt ist und die nächste Grossstadt (Chicago) doch 2.5 Autostunden entfernt ist. Diese Fakten können natürlich auch als Vorteile gesehen werden.

Meine Studiumsplanung hat sich soweit voll ausbezahlt, so dass ich jedem neuen Student nur empfehlen kann, es ähnlich zu machen:

Was mir besonder geholfen hat, ist die 2.5 Jahre Berufspraxis bei Technosoftware AG in Niederlenz. Da ich dort sehr viel Enwicklungs- und Projektarbeit geleistet habe, waren viele Programmierprobleme viel einfacher zu lösen.

Die Einstellung ist auch sehr wichtig, mit der man hierher kommt. Man muss sich darauf einstellen, dass man eine ganze Weile hier lebt. Dies bedeutet, dass man sich einen Freundeskreis aufbauen sollte, um die Zeit hier besser geniessen zu können. Die Universität bietet einem ein erstklassiges internationales Umfeld, so dass man die Chance hat, Leute von den verschiedensten Kulturen und Nationen kennen zu lernen. Zum Beispiel haben wir Kontakt mit Leuten aus Japan, China, Irland, Korea, Saudi Arabien, Indien, Frankreich, Kanada, Brasilien, Mexico und natürlich Amerika. Zum Glück geniesst die Schweiz international immernoch einen sehr guten Ruf, so dass eigentlich alle Leute sehr possitiv reagieren, wenn man erzählt, dass man Schweizer ist. Dieses internationale Umfeld verlangt aber auch einige Flexibilität, so haben die einzelnen Nationen eigene Verhaltensregeln und Wertmassstäbe und die kennt man nicht immer im voraus. Aber gerade diese Erfahrungen mit Menschen von der ganzen Welt, machen ein Studium hier so wertvoll.
 
 

8. Danksagung

Ich möchte mich recht herzlich bei der Firma Asea Brown Boveri AG, Baden und ihren Mitarbeitern in der Abteilung Hochschulmarketing für die gewährte Unterstützung bedanken. Ich hoffe, dass sie noch vielen weiteren HTL Ingenieuren dieses höchst interessante Studium ermöglichen werden.
 
 

Urbana, im März 1998 Alban Frei